Rezension - Grand-papa
"Zum ersten Mal werde ich fündig. Ich erhalte Einblicke in seine Gefühlswelt. Sie ermöglichen mir, Grand-papas Erinnerungen in den Mémoires mit jenen Erinnerungen anzureichen, die er zu einem Zeitpunkt notiert hatte, als sie noch nicht lange zurücklagen. Es ist, als fügte ich zwei Erlebniskreise zusammen, die nicht von ein und derselben Person zu stammen scheinen und es doch tun." [S. 102]
A L L G E M E I N E S
Copyright @Penguin
Titel: Grand-papa
Autorin: Natalie Buchholz
Verlag: Penguin
Erscheinungsdatum: 14.08.2024
Seitenzahl: 256
Preis: 24,00€ [Hardcover]
ISBN 978-3-328-60217-0
Das Buch wurde mir freundlicherweise vom Penguin Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Dies beeinflusst aber in keinster Weise meine Meinung.
I N H A L T
Der Klappentext:
Ein kleiner Zufallsfund ist es, der Natalie Buchholz an ihren verstorbenen Großvater Anatole erinnert. Wer war dieser zwischen Deutschland und Frankreich hin- und hergerissene Mann? Erstmals setzt sich die Autorin mit dem Großvater auseinander, der stets ein Fremder für sie war und doch bis in ihr eigenes Leben hineingewirkt hat. In seinen jungen Jahren geht er zur französischen Armee, den Zweiten Weltkrieg allerdings erlebt er als zwangsrekrutierter Soldat der Wehrmacht. Danach entscheidet er sich vehement für eine Seite und lehnt sogar seine Tochter ab, die einen Deutschen heiratet.
Mit poetischer Präzision geht die Autorin dieser Herzenskälte nach. Sie erzählt von einer deutsch-französischen Familie, deren Ambivalenz und Zerrissenheit sich in der Geschichte der Region Elsass-Lothringen widerspiegelt – und wird dabei eine bittere Entdeckung machen.
M E I N E M E I N U N G
Ganz zu Beginn der Rezension möchte ich auf das wunderschöne Cover eingehen! Mir gefällt der Kontrast zwischen dem tristen Hintergrundbild und der neongrünen Schrift so gut, dass ich sogar behaupten würde, ohne dieses Cover hätte ich das Buch erst gar nicht gelesen. Mich hat die Farbkombination direkt angesprochen und aus diesem Grund habe ich den Klappentext gelesen und mich dazu entschieden, gemeinsam mit der Protagonistin die Reise nach der Entdeckung ihrer Familiengeschichte anzutreten. Das besonderen an dem Buch ist, dass die Protagonistin in diesem Fall die Autorin selbst ist. Sie e
Der Schreibstil von Natalie Buchholz ist angereichert mit ganz vielen bildhaften Beschreibungen. So hatte ich als Leserin das Gefühl, Teil der Geschichte zu sein. Sie hat es geschafft, dass das Lesen bei einem solch komplexen und emotionalen Thema nicht langweilig wurde. Die kurzen Kapitel haben mir das Lesen sehr vereinfacht, da ich so das Gefühl hatte schneller voranzukommen. Ganz besonders gut haben mir die Namen der Kapitel gefallen. Die kryptischen Titel wie "Falscher Kaffee" oder "Das Kamel" haben in mir als Leserin diverse Asoziationen geweckt, von dem, was in den folgenden Seiten passieren wird.
Die Zerrissenheit, die die Autorin spürt, überträgt sich auch auf den/die LeserIn. Ich habe so mit der Protagonistin mitgefühlt - die Erzählung springt zwischen verschiedenen Zeitebenen. Briefausschnitte heben die Geschichte auf eine neue, ganz persönliche Ebene, die eine emotionale Verbindung zur Protagonistin schafft. Die Autorin wechselt ebenfalls zwischen diversen Erzählperspektiven. Ein personaler Erzähler wechselt zu einem neutralen Erzähler und umgekehrt. Mir hat es so viel Spaß gemacht die Geschichte zu lesen und wie bereits erwähnt ist mir dies durch die kurzweiligen Kapitel nicht schwer gefallen. Natalie Buchholz hat es geschafft, dass das Lesen trotz dem Wechsel zwischen den Zeiten und der Erzählperspektive nicht anstrengt.
Die Autorin erzählt mit ihrem Buch ein Stück Geschichte, das mehr Aufmerksamkeit verdient hat und dem/der LeserIn die besondere Beziehung zwischen Deutschland und Frankreich vor Augen führt. Der kühle und distanzierte Großvater namens Anatole mit dem die Protagonistin aufwuchs, wird durch die Auseinandersetzung mit seinen Memoiren in ein ganz neues Licht gerückt. Hand in Hand gehen hier LeserInnen und die Protagonistin, die gemeinsam das Leben des ehemaligen Soldaten erforschen und dadurch einen Teil der Familiengeschichte aufdecken, der einmal verborgen war und nun an die Öffentlichkeit gelangt.
Ganz besonders fand ich die französische Danksagung am Ende des Buches. In dem Moment war ich dankbar, dass ich diese mit meinem Schulfranzösisch verstehen konnte. Dass die Autorin sich für eine Danksagung auf Französisch entschieden hat, hat mich sehr gerührt. Noch besonderer fand ich, dass sich der Verlag dazu entschieden hat, diese Danksagung nicht ins Deutsche zu übersetzen. So steht man als LeserIn für einen kurzen Moment auch zwischen zwei Welten - genau wie die Protagonistin und ihr Großvater Anatole.
Buchholz hat es geschafft, auf ihre ganz besondere Art und Weise einen Pageturner zu schreiben, der auf mehr hoffen lässt! Ich freue mich schon sehr, was die Autorin in den nächsten Jahren veröffentlichen wird!
Chapeau!
F A Z I T
Das Buch empfehle ich jedem/jeder, der/die eine Zeit lang dem Alltag entfliehen und sich auf eine ganz besondere Reise begeben möchte, die einen alles vergessen lässt und der/die Lust hat, gemeinsam mit der Protagonistin ihrer Familiengeschichte auf den Grund zu gehen.
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